Gender sichtbar machen
Neue Ausgabe von palliative.ch beleuchtet Ungleichheiten am Lebensende
Wer erhält Zugang zu palliativen Angeboten? Wessen Schmerzen werden ernst genommen? Und wer trägt die oft unsichtbare Care-Arbeit am Lebensende? Die Ausgabe 2-2026 der Zeitschrift palliative.ch widmet sich dem Thema Gender und zeigt, wie Geschlecht und weitere soziale Faktoren die Versorgung, Kommunikation und Begleitung in der Palliative Care prägen.
Auf den ersten Blick scheint Gender kein klassisches Thema der Palliative Care zu sein. Doch genau dieser Eindruck wirft Fragen auf. Denn vieles, was die Palliative Care ausmacht – Fürsorge, Präsenz, Beziehungsgestaltung, Aushalten und Begleiten – bleibt im Gesundheitswesen häufig unsichtbar. Die neue Ausgabe von palliative.ch lädt dazu ein, genauer hinzuschauen.
Die Beiträge zeigen, dass Versorgungsungleichheiten gerade in der Palliative Care besonders deutlich werden. Gender beeinflusst nicht nur den Zugang zu Angeboten, sondern auch die Wahrnehmung und Behandlung von Symptomen, Gespräche über Sterben und Tod sowie die Verteilung von Care-Arbeit zwischen Angehörigen und Fachpersonen. Gleichzeitig wird deutlich, wie sich diese Unterschiede im Zusammenspiel mit Armut, Migration sowie sexueller und geschlechtlicher Vielfalt weiter verstärken können.
Ein besonderer Schwerpunkt der Ausgabe liegt auf der Frage nach Sichtbarkeit und Anerkennung von Care-Arbeit. Dabei rückt ein Thema in den Fokus, das den Alltag der Palliative Care prägt und dennoch selten theoretisch betrachtet wird: das Warten.
Dazu ist die Sozialanthropologin Julia Rehsmann im Podcast Palli Pod zu Gast. Im Gespräch mit Gastgeberin Gabriela Meissner spricht sie über ihren Beitrag «Die Zeit der anderen: Warten und Gender in der Palliative Care». Ausgehend von ethnographischen Beobachtungen in einem Schweizer Akutspital zeigt Rehsmann auf, dass Warten keineswegs eine passive Tätigkeit ist. Vielmehr offenbaren sich darin Machtverhältnisse, Hierarchien und geschlechtsspezifische Zuschreibungen.
Sie beschreibt einerseits das strukturelle Warten von Palliative-Care-Konsiliardiensten, die auf den Einbezug durch kurativ ausgerichtete Fachbereiche angewiesen sind. Andererseits beleuchtet sie das pflegerische «Da-Sein» am Bett schwerkranker und sterbender Menschen – eine hochkompetente Form professioneller Präsenz, die häufig als selbstverständlich wahrgenommen und institutionell wenig sichtbar gemacht wird.
Die zentrale Frage ihres Beitrags lautet: Wessen Zeit zählt im Gesundheitswesen – und wessen nicht? Rehsmann macht deutlich, dass gerade jene Tätigkeiten, die auf Beziehung, Aufmerksamkeit und Begleitung beruhen, oft weniger Anerkennung erhalten als sichtbar messbare Interventionen. Damit eröffnet sie eine neue Perspektive auf Care-Arbeit, professionelle Fürsorge und die zeitlichen Strukturen der Palliative Care.
Die Ausgabe 2-2026 von palliative.ch lädt dazu ein, vertraute Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen und Gender als wichtigen Schlüssel zum Verständnis von Versorgungsgerechtigkeit am Lebensende zu betrachten. Das Gespräch mit Julia Rehsmann im «Palli Pod – palliative.ch zum Reinhören» ergänzt diese Diskussion um eine ebenso wissenschaftlich fundierte wie alltagsnahe Perspektive auf ein Thema, das alle betrifft – die Frage, wie wir Zeit, Fürsorge und Anerkennung am Lebensende gestalten.
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