«Ob wir gut vorbereitet waren, werden wir erst retrospektiv erfahren»

Ein Interview mit Dr. Sandra Eckstein, Palliativmedizinerin und Co-Leiterin der Fachgruppe Ärzte von palliative ch

Hatten Sie schon Kontakt mit Covid-19- Patienten?
Vor ungefähr zwei Wochen habe ich die erste Patientin begleitet und wir haben im Unispital Basel (USB) mittlerweile zwei Kohortenstationen mit Covid-19-Patienten. Die Altersgruppen der Patienten sind gemischt. Das heisst, wir haben auch Patienten mittleren Alters, so etwa ab 40 Jahren. Die sind nur leicht erkrankt und können im Verlauf als gesund entlassen werden. Die schwerer erkrankten Patienten sind aktuell eher Patienten aus den bekannten Risikogruppen. Meine erste Patientin war eine ältere Dame mit verschiedenen Vorerkrankungen. Ihre Wünsche waren eine gute Symptomkontrolle und menschlicher Beistand. Beides konnten wir gut, nicht zuletzt mit der sehr wichtigen Unterstützung der Seelsorge, gewährleisten, sodass sie ruhig sterben konnte.

Was ist das Spezielle an dieser neuen Herausforderung?
Zum einen der Umstand, dass wir alle enorm viel durch die Medien von dieser Erkrankung gehört haben, letztlich jedoch vieles ungewiss ist und wir keine Vorerfahrungen haben. Die Situation ist im Moment sehr dynamisch, wir befinden uns in einem lernenden System und müssen uns immer auf neue Situationen einstellen. Das betrifft alles, von Therapiemassnahmen bis zu organisatorischer Planung. Man stellt sich z.B. die Fragen: Mache ich alles richtig? Ziehe ich die Schutzkleidung richtig an? Wie kann ich trotz Isolation einen guten Kontakt, Pflege oder Untersuchung handhaben?

Besonders wichtig erachte ich, dass diese Pandemie mit sehr viel Angst und Anspannung verbunden ist, sowohl in der Allgemeinbevölkerung, als auch bei den Erkrankten und bei den Angehörigen. Hinzu kommt, dass durch die Isolationsmassnahmen, der Kontakt mit den Covid-19- Patienten ein sehr veränderter ist. Ein Thema, das uns sehr beschäftigt ist der Beistand für die Patienten. Da erweist sich die Isolation, die verhüllte und physische Distanz als Hürde. Es ist um einiges herausfordernder, die Patienten gut zu unterstützen. Wir versuchen zu ermöglichen, dass Seelsorger und andere Fachpersonen, welche die Patienten unterstützen, genügend Zeit am Bett haben – allerdings natürlich nur in Schutzkleidung. Wenn die Patienten sterben, dürfen auch die Angehörigen zu ihnen. Für die Angehörigen gibt es darüber hinaus auch telefonische Unterstützungsangebote.

Welchen Beitrag kann Palliative Care in dieser Situation leisten?
Zum einen denke ich, dass die ganz klassischen Fragen und Angebote der Palliative Care berührt sind, allen voran die Klärung und Priorisierung von Behandlungswünschen, Symptomkontrolle und Begleitung des Lebensendes. Dadurch dass diese Erkrankung so dynamisch ist und mit vielen Ängsten verbunden ist, sei es bei den Patienten und ihren Angehörigen, aber auch natürlich bei den Behandlungsteams, ist es ein grosser Vorteil, dass wir aus einer Fachrichtung kommen, deren Haltung es ist, interprofessionell und multidimensional zu arbeiten. Mehr denn je erleben wir, dass der ganzheitliche Blick auf den Menschen wichtig ist, dass der Patient als Person wahrgenommen wird, der man sich annimmt. Neben der Symptomlast geht es um existentielle Ängste, in denen die spirituellen und psychosozialen Facetten ganz zentral sind. Ein achtsamer Umgang mit den Patienten, den Angehörigen, aber auch dem Behandlungsteam ist enorm wichtig.

Fühlen Sie sich und Ihr Team gut auf diese extreme Situation vorbereitet?
Wir wissen ja nicht, was noch auf uns zukommt. Wir haben den Vorteil, dass wir von den Kollegen in Italien, aber vor allem auch im Tessin schon viel lernen konnten. Es ist sehr hilfreich, von ihren Erfahrungen profitieren zu dürfen. Wir versuchen vorbereitet zu sein, in dem Sinne, dass wir die Dynamik der Situation anerkennen. Wir wissen, dass wir achtsam sein müssen und uns innerhalb des Spitals aber auch innerhalb der Region sehr gut vernetzt haben. Wir haben Leitfäden zu Therapiemassnahmen und Entscheidungsfindung erarbeitet, es wurde ein psychosoziales Corona-Care-Team gegründet, das Patienten, Angehörige und Behandlungsteams unterstützt. Aber das alles ist ein Prozess und abhängig von dem was auf uns zukommt. Was wir im Moment noch völlig unzureichend einschätzen können, wie gross die Belastung in den Teams sein wird, falls hohe Patientenzahlen, viele Sterbende verbunden mit langen Arbeitsstunden auf uns zukommen. Ob wir gut vorbereitet waren, werden wir erst retrospektiv erfahren.

Was sagen Sie Menschen, denen diese ganze Situation Angst macht?
Da gibt es verschiedene Gruppen. Zum einen Menschen, die gesund sind, aber Angst haben krank zu werden. Ihnen gegenüber ist es wichtig immer wieder deutlich zu machen, wie wichtig die Hygienemassnahmen und Anordnungen wie das Kontaktverbot sind. Es ist auch wichtig darauf hinzuweisen, dass sowohl die Spitäler als auch der ambulante Bereich in der Schweiz gut vorbereitet sind. Ausserdem sollte man darauf achten, sich nicht von der Angst treiben zu lassen. Die zweite Gruppe sind Menschen, die tatsächlich erkrankt sind und oft sehr grosse Ängste zeigen, selbst wenn sie keine starken Symptome haben. Diese Ängste sollte man unbedingt ernstnehmen, manche empfinden die Diagnose als Todesurteil und schlimmer als eine Krebsdiagnose. Bei diesen Menschen ist es wichtig, auf die gute medizinische Versorgung hinzuweisen und dass die Wahrscheinlichkeit des Überlebens insgesamt hoch ist.

Kürzlich fragte uns ein junger Mann: «Was kann ich als Angehöriger tun, wenn mein Grossvater langsam ersticken würde und kein Spitalplatz frei ist? Er ist bereit zu sterben, aber wenn es dazu kommt, möchte ich zumindest helfen, den Prozess schmerzfrei zu machen. » Was würden sie dem jungen Mann sagen?
Den wichtigsten Schritt hat der junge Mann bereits gemacht, er hat das Gespräch mit seinem Grossvater gesucht und mit ihm über seine Wünsche gesprochen. Nun wäre es wichtig, diesen Wunsch festzuhalten, am besten in einer Patientenverfügung und im Gespräch mit dem Hausarzt. Für die Patienten, die aufgrund des allgemeinen Gesundheitszustandes oder entsprechend dem ausdrücklichen Willen auf intensive Therapiemassnahmen verzichten, ist es sehr wichtig zu wissen, dass ihre Beschwerden wie Atemnot, Schmerzen oder Angst wirksam gelindert werden können. Das ist auch ausserhalb des Spitals oder der Intensivstation möglich. Genau hier unterstützen wir durch Therapiepläne, damit dies sichergestellt ist.

Sie haben bereits Ihre Kollegen im Tessin erwähnt. Sie profitieren also konkret von der Vernetzung im Bereich Palliative Care?
Ja, ganz enorm, das ist ein sehr grosser Vorteil, den wir in der Schweiz im Moment haben. Wir sind in allen Kantonen extrem gut vernetzt. Es wird sehr viel Wissen gesammelt und grosszügig weitergegeben. palliative ch hat eine Task Force gegründet, zu der Mitglieder aus allen Landesteilen aber auch den verschiedenen Professionen gehören. Konkret wurden hier Leitfäden und Empfehlungen erarbeitet, die auf der Website allen zugänglich gemacht wurden. Der interdisziplinäre Ansatz von Palliative Care erweist sich auch hier als grosser Vorteil. Gerade in dieser Situation merken wir, dass es eigentlich nur interprofessionell geht. Denn letztlich sind wir alle betroffen.

Haben die Covid-19-Patienten eine Patientenverfügung dabei?
Ganz allgemein gesagt gibt es bei uns im Spital immer mehr Menschen mit einer Patientenverfügung. Einige Covid-19-Patienten sprechen das Thema nun von sich aus an, damit geregelt ist, was sie wollen und was nicht. Gerade heute bekam ich den Anruf einer Patientin, die ihre Patientenverfügung ergänzen möchte. Vor allem geht es darum festzulegen, ob man im Falle einer Covid-19-Erkrankung auf eine Intensivstation und beatmet werden möchte. Das kann aber in beide Richtungen weisen, manche Menschen möchten explizit ergänzen, dass im Falle COVID-19 auch Intensivmassnahmen ergriffen werden sollen, obwohl es anders in der Verfügung steht. Das Gespräch mit den Patienten steht hier an vorderster Stelle. Im ambulanten Bereich erleben wir, dass die Frage der Patientenverfügung zwischen Hausarzt und Patienten intensiv diskutiert wird. Da geht es beispielsweise um die Frage des Advance Care Planning. Allerdings ist das Thema Patientenverfügung auch heikel, denn einerseits möchten die Menschen darüber sprechen, andererseits besteht die Angst, dass ihnen Therapiemassnahmen vorenthalten werden.

Erleben Sie auch Angehörige, die Angst haben, dass für die Patienten nicht genügend Spitalbetten zur Verfügung stehen?
Wir versuchen die Öffentlichkeit darüber zu informieren, dass wir gut versorgt sind und aktuell ausreichend Betten haben. Bisher haben Angehörige mir gegenüber keine solchen Sorgen geäussert.

Wie schöpfen Sie selbst in dieser herausfordernden Situation Kraft?
Ich merke, dass wir näher zusammenrücken. Denn es ist allen bewusst, dass dies aktuell eine besondere Situation ist, in der wir bedacht und behutsam handeln müssen. Jetzt geht es nicht um persönliche Befindlichkeiten, sondern darum zielorientiert zusammenzuarbeiten. Das ist sowohl stimulierend als auch entlastend. Der Ton im Spital ist sehr bedacht und man merkt, dass es den Mitarbeitenden gutgehen soll. Bei uns gibt es ein psychosoziales Care-Team, das sich nicht nur um die Patienten und ihre Angehörigen kümmert, sondern auch um Ärzte und Pflegende. Daneben ist meine Familie eine wichtige Kraftquelle. Mein Mann und ich sind ja beide als Ärzte tätig, und da ist es sehr schön, dass wir viel Unterstützung und Hilfe durch Freunde erfahren.

Aus Gründen der Lesbarkeit wurde im Text die männliche Form gewählt, nichtsdestoweniger beziehen sich die Angaben auf Angehörige beider Geschlechter.

Dr. Sandra Eckstein

Dr. Sandra Eckstein ist Leitende Ärztin Palliative Care und Mitglied Tumorzentrum des Universitätsspitals Basel (USB). Seit März 2018 ist sie Co-Leiterin der Fachgruppe Ärzte von palliative ch. Dieses Gremium besteht aus allen Ärztinnen und Ärzten, die Aktivmitglieder von palliative ch sind (rund 400) und versteht sich als Nationale Vertretung der Palliativmedizinerinnen und Palliativmediziner der Schweiz.

Task Force «Fokus Corona»

palliative ch hat eine Task Force «Fokus Corona» mit Vertreterinnen und Vertretern aus den Fachgruppen Ärztinnen und Ärzte, Pflege und Seelsorge ins Leben gerufen. Ziel der Task Force ist es, Empfehlungen für Gesundheitsfachpersonen zur Behandlung von Palliative-Care-Patientinnen und -Patienten in den verschiedenen Settings – stationär und ambulant – bereit zu stellen. Dabei profitieren wir stark von unserer schweizweiten Verankerung. Unsere Guidelines basieren auf den Erfahrungen und Empfehlungen unserer Kolleginnen aus dem Kanton Tessin.

Die Mitglieder der Task Force (in alphabetischer Reihenfolge):

Prof. Gian Domenico Borasio, Chefarzt und Professor für Palliativmedizin an der Universität Lausanne
Barbara Dessauer, MAS Palliative Care, Mobiler Palliativ Dienst MPD, Verein Palliative Care-Netzwerk Region Thun
Dr. med. Sandra Eckstein, Leitende Ärztin Abteilung für Palliative Care, Universitätsspital Basel
Prof. Steffen Eychmüller, Chefarzt und Professor für Palliativmedizin am Universitätsspital Inselspital Bern
Dr. med. Tanja Fusi-Schmidhauser, Palliative Care, IOSI-EOC, Bellinzona
Dr. med. Claudia Gamondi, Palliative Care, IOSI-EOC Bellinzona
Catherine Hoenger, Service de la santé publique, Lausanne
Dr. med. Floriana Lurati Ruiz, Service de Soins Palliatifs, Hôpital Nestlé, Lausanne
Monika Obrist, Präsidentin palliative ch, Bern
Lisa Palm, Spital - und Klinikseelsorge, Kanton Zürich
Dr. med. Gudrun Theile, Leitende Ärztin Abteilung für Palliative Care, Klinik Susenberg Zürich
Dr. med. Andreas Weber, Ärztlicher Leiter Palliative Care Spital Wetzikon

Renate Gurtner Vontobel, Geschäftsführerin palliative ch, Bern
Stephanie Alder, Fachspezialistin Kommunikation, palliative ch, Bern