10.08.2020


Stabswechsel im Vorstand - Interview mit Marina Carobbio Guscetti, der neuen Präsidentin von palliative ch

Die Ständerätin und Tessiner Ärztin Marina Carobbio Guscetti hat seit dem 1. Juni 2020 ihr Amt als Präsidentin von palliative ch angetreten. Im Interview nimmt sie Stellung zur Bedeutung von Palliative Care in der Schweiz und zu den Herausforderungen, welche den Verband erwarten, um für die Zukunft gerüstet zu sein.

Auf was freuen Sie sich in Ihrem Amt als neue Präsidentin von palliative ch am meisten? Ich freue mich darauf, das Thema Palliative Care auf politischer Ebene zu vertreten und mich aktiv für diesen gesellschaftlich relevanten Bereich zu engagieren. Als Gesundheitspolitikerin und durch meine frühere ärztliche Tätigkeit in der Palliativmedizin, habe ich einen engen Bezug zu dieser Thematik. Eine umfassende palliative Versorgung von schwerkranken Menschen und Menschen mit chronischen Krankheiten ist mir ein persönliches Anliegen.

Zudem freue ich mich auf die Zusammenarbeit mit den für palliativ ch engagierten Menschen. Bereits in meinem ersten Monat als Präsidentin konnte ich das grosse Potential an Know-How und Fachwissen erleben. Die Bereitschaft, dieses Fachwissen für die Ziele und Belange des Vereins einzubringen ist sehr hoch. Das habe ich als sehr positiv wahrgenommen.

Wie würden Sie den Stellenwert von Palliative Care im Schweizer Gesundheitswesen einschätzen?
Selbstverständlich erachte ich den Stellenwert von Palliative Care als höchst relevant. In der Schweiz ist dieses Thema jedoch nach wie vor zu wenig bekannt und erhält auch auf der politischen Ebene noch zu wenig Bedeutung. Es ist zu betonen, dass es bei Palliative Care nicht nur um die Betreuung von Menschen mit Krebserkrankungen geht. Auch für Personen mit chronischen Krankheiten ist Palliative Care von grosser Wichtigkeit und von grossem Nutzen. Sollte es doch allen Menschen in der Schweiz möglich sein, das Ende des Lebens in Selbstbestimmung und Würde zu verbringen.

Der Zugang zu Palliative Care für alle Betroffenen muss zwingend verbessert werden. Dieser muss in Zukunft nicht nur durch die Spitäler, sondern verstärkt auch durch den ambulanten Bereich gefördert werden. Insbesondere die Sensibilisierung der Hausärzte für Palliative Care ist wichtig.

Noch immer in vielen Bereichen ungelöst ist die Tarifierung der Palliative Care. Für eine gute Betreuung ist es unerlässlich, dass nicht nur die medizinischen Leistungen, sondern auch spezialisierte Leistungen anderer Berufsgruppen vergütet werden. Denn bei der Palliative Care ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit ausschlaggebend für das Wohl der Patientinnen und Patienten. Und diese muss entsprechend vergütet werden.

Welche Anforderungen muss palliative ch aus Ihrer Sicht erfüllen, um für die Herausforderungen der nächsten Jahre gerüstet zu sein?
Ich bin überzeugt, dass palliative ch in Zukunft eine wichtige Rolle im Schweizer Gesundheitswesen einnehmen wird. Der Grundstein dafür wurde in den letzten Jahren gelegt. palliative ch verfügt aber auch noch über grosses Entwicklungspotential. Durch die gesellschaftliche und demografische Entwicklung in den nächsten Jahren wird das Thema Palliative Care und somit auch palliative ch als Verein an Bedeutung gewinnen. Auf gesellschaftlicher und auch politischer Ebene. Und das in der ganzen Schweiz: es ist sehr wichtig, dass palliative ch in allen Landesteilen präsent ist. 

Das Angebot und die Dienstleistungen des Dachverbandes auf nationaler und der Sektionen auf regionaler Ebene sind relevant für eine Verankerung von Palliative Care auf gesellschaftlicher und politischer Ebene. Und müssen proaktiv den Bedürfnissen und Anforderungen der Betroffenen wie auch deren Familie und für die zuständigen Fachpersonen angepasst werden.