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«Palliative Care ist auch bei Covid-19 nicht nur End-of-life-Care»

Ein Interview mit Dr. Tanja Fusi-Schmidhauser, Leitende Ärztin Palliative Care IOSI-EOC und ihrem Team

Wie hat Covid-19 den Arbeitsalltag des Palliative Care Teams verändert?
Die grösste Veränderung betrifft den Zugang zu den Patientinnen und Patienten sowie ihren Angehörigen. Es ist nicht einfach mit der Isolierung umzugehen, was den Kontakt mit den Angehörigen betrifft. Da müssen wir sehr flexibel und kreativ sein, um diese Herausforderung zu bewältigen. Wir müssen die Kommunikation zwischen Patientinnen und Patienten und Angehörigen neu organisieren.

Verändert hat sich auch die Art der Bekleidung. Hier im Tessin gibt es Spitäler, die nur Covid-19-Patientinnen und Patienten betreuen. In ihnen wurde man sehr gut auf die verschiedenen Massnahmen, wie das Anlegen der Schutzkleidung und Schutzbrillen, vorbereitet. Das ist beinahe ein Ritual, zumindest aber Gewohnheit geworden. Doch die Schutzkleidung verändert den Kontakt zu den Erkrankten. Sie sehen nur unsere Augen, so dass wir gelernt haben, mehr mit den Augen zu kommunizieren.

Im Tessin sind die Bindungen zur Familie und den Angehörigen oft stärker als in der Deutschschweiz. Was passiert nun, wenn eine Covid-19 Patientin / ein Covid-19 Patient stirbt? Stirbt er allein?
Wir können versichern, dass die Patientinnen und Patienten nicht allein sterben. Wir versuchen die Angehörigen soweit es geht in den Sterbeprozess einzubeziehen. Die Angehörigen werden jeden Tag informiert und wir versuchen, die Kommunikation zu den Patienten via Telefon oder iPad, Skype oder FaceTime sicherzustellen. Wenn die Angehörigen ins Spital kommen, finden sie spezielle Räumlichkeiten vor, in denen sie vom Palliative Care Team empfangen werden. Die spirituelle Begleitung durch unsere Seelsorger spielt eine sehr wichtige Rolle. Während der Sterbephase können die Angehörige kurz in die Patientenzimmer, natürlich nur mit Schutzkleidung. Im interdisziplinären Palliative Care Team versuchen wir ausserdem, die Angehörigen ein wenig zu vertreten und somit Brücken zwischen den Patientinnen und Patienten und den Angehörigen zu bauen. Da hat das Team eine grosse und wichtige Aufgabe.

Was tut das Team, um mit dieser ungewohnten Belastung gut umgehen zu können?
Wir kümmern uns um einander, wir fragen unsere Teamkolleginnen und -kollegen, wie es ihnen geht. Wir versuchen zu gewährleisten, dass alle Teammitglieder die nötige Freizeit haben, um physisch und psychisch aufzutanken. Wichtig ist uns auch, ein Stück Normalität zu bewahren, indem wir zum Beispiel zusammen essen, immer den sozialen Abstand respektierend. Es muss auch noch andere Themen als Covid-19 geben. Ausserdem besteht für die Teammitglieder psychologischer Support.

Das Tessin hat nun schon relativ viel Erfahrung mit Covid-19, zumindest im Vergleich zur übrigen Schweiz. Was würdet ihr anderen Fachpersonen raten?
Man muss sich auf organisatorischer Ebene sehr gut vorbereiten und es ist wichtig, kompetente Teams aufzubauen. Sie müssen sehr kreativ und flexibel sein, denn sie arbeiten in einer Situation, die bisher völlig unbekannt war. Unsere Tage sind sehr dynamisch, es kann sein, dass wir eine Situation am Abend völlig anders einschätzen als noch am Morgen.

Was kann die Schweiz vom Tessin lernen?
Unserer Meinung nach hat es sich als richtig erweisen, die Spitäler zu trennen, so dass es Spitäler gibt, die nur für Covid-19 Patientinnen und Patienten zuständig sind. Wir haben ausserdem lernen müssen, dass die Ressourcen limitiert sind. Das hat dazu geführt, dass wir die Symptomkontrolle umgestellt haben, so dass die für Covid-19-Betroffene benötigten Medikamente ausreichend zur Verfügung stehen. Eine weitere wichtige Erfahrung ist, dass die Lockdown-Massnahmen sehr sinnvoll sind. Die Tessinerinnen und Tessiner halten sich im Grossen und Ganzen daran – ein grosses Kompliment!

Bringen die Patientinnen und Patienten jetzt vermehrt Patientenverfügungen mit?
Im Tessin sind Patientenverfügungen noch nicht so verbreitet, das ist wahrscheinlich auch kulturell bedingt. Es gibt nicht mehr Patientenverfügungen als vor der Pandemie. Im Spital von Locarno, wo mehr Deutschschweizer leben, haben wir schon immer mehr Patientenverfügungen gesehen als beispielsweise in Lugano.

Zur gefürchteten Triage zwischen Patientinnen und Patienten, die man aufgibt, und Patientinnen und Patienten, die man zu retten versucht, ist es noch nicht gekommen?
Die Kapazitäten sind ausreichend. Es geht darum, dass man Behandlungen durchführt, die sinnvoll sind. Die Frage, was für Patienten sinnvoll ist, war in der Palliative Care schon immer wichtig, da hat sich gar nichts geändert.

Wird Covid-19 die Palliative Care verändern, und wenn ja in welchem Sinn?
Wir haben das im Team intensiv diskutiert. Wir glauben, dass dies passieren wird. Es gibt aus unserer Sicht zwei Aspekte. Der erste: Wahrscheinlich wird die Covid-19- Pandemie in Wellen verlaufen, sodass Palliative Care viel flexibler werden muss. Entscheidungen müssen sehr schnell getroffen werden, weil die Patientinnen und Patienten sehr rasch dekompensieren können. Das Team handelt sehr stark unter Druck und so entsteht eine Palliative Care, an die man sich erst noch gewöhnen muss. Bisher war es so, dass man sich in der Palliative Care für Gespräche und Entscheidungen viel Zeit genommen hat. Das Ideal der vorausschauenden Planung ist nun oft gar nicht mehr möglich. Wenn wir uns jedoch länger mit Covid-19 beschäftigen, was wohl der Fall sein wird, wird auch die vorausschauende Planung wieder leichter möglich sein.

Der zweite Aspekt betrifft die Wahrnehmung von Covid-19 in der Öffentlichkeit: In den Medien liest und hört man von sehr vielen Todesfällen. Damit besteht die Gefahr, dass Palliative Care wieder vermehrt bloss als End-of-life-Care wahrgenommen wird. Wir durften aber auch viele Patienten begleiten, die das Spital wieder verlassen haben. Die Botschaft muss also sein: Palliative Care ist auch bei Covid-19 nicht nur End-of-life-Care!

 

Von links nach rechts: Svetlana Petrovic (Sozialarbeiterin ORL-EOC), Sonja Calusic (Pflegefachfrau Palliative Care IOSI-EOC), Clarissa Caimi (Oberärztin Palliative Care IOSI-EOC), Tanja Fusi-Schmidhauser, Leitende Ärztin Palliative Care IOSI-EOC