Mathieu Bernard, Lehrstuhl für Palliativpsychologie, Universitätsspital Lausanne

Zahlreiche Pionierinnen und Pioniere haben die Palliative Care in der Schweiz auf den Weg gebracht. In ihre Fussstapfen tritt nun die nächste Generation, die wir in einer neuen Serie etwas näher vorstellen möchten. Unser zweites Porträt widmet sich Mathieu Bernard vom Lehrstuhl für Palliativpsychologie am Universitätsspital Lausanne.

 

Das nachfolgende Interview wurde in der Ausgabe palliative ch 03/21 auf Deutsch und Französisch publiziert.

 

Sie wurden in die Leitung des Lehrstuhls für Palliative Care berufen und sind seit 1. Januar 2021 Assistenzprofessor mit Tenure Track beim Service de soins palliatifs et de support im Universitätsspital Lausanne. Wie ordnen Sie diese neue Position ein?
Ich bin derzeit Forschungsleiter im Rahmen des Service de soins palliatifs und leite seit Anfang Jahr den Lehrstuhl für Palliativpsychologie. Mein Titel als Professor für Palliativpsychologie mit Tenure Track bedeutet, dass ich einen festgelegten Zeitraum habe, um meine Fachkompetenzen und mein akademisches Dossier zu entwickeln. Ziel dabei ist, die Position der Palliativpsychologie im akademischen Panorama der Palliative Care zu festigen. Meine Professur versteht sich als Ergänzung zum Lehrstuhl für Geriatrische Palliative Care, der von Prof. Jox und Dr. Rubli Truchard geleitet wird, und zum Lehrstuhl für Palliativpflege unter Leitung von Prof. Larkin. Die Besonderheit meiner Position besteht darin, dass sie in der Fakultät für Biologie und Medizin an der Universität Lausanne die Humanwissenschaften vertritt. Traditionellerweise entwickelte sich die Psychologie in Instituten, die in der Regel nicht der medizinischen Fakultät, sondern vielmehr den Human- und Sozialwissenschaften angegliedert waren. Im Universitätsspital Lausanne ist diese Position jedoch Ausdruck des aktuellen Bestrebens, die Rolle der Humanwissenschaften in der Medizin im Spitalwesen zu stärken. Meine Aufgabe besteht im Übrigen auch darin, meine Beziehungen zum Institut für Humanwissenschaften in der Medizin (das dem Universitätsspital und der Fakultät für Biologie und Medizin angegliedert ist) auszubauen. Das Institut steht ebenfalls für das Bestreben, die Human- und Sozialwissenschaften heranzuziehen, um auf die aktuellen Herausforderungen der Medizin zu reagieren.
Welche Arbeitsziele hat dieser Lehrstuhl? An welchen Forschungsprojekten arbeiten Sie derzeit mit Ihrem Team?
Diese Position ist an einen Lehrstuhl für Palliativpsychologie und somit an einen akademischen Studiengang gebunden. Meine Hauptaufgaben bestehen somit darin, durch meine Forschung Fachwissen zu generieren und dieses durch die Lehre zu vermitteln. In der Lehre besteht der Druck, auf allen Ebenen des Studiums eine hochwertige Aus- und Weiterbildung im Bereich Palliative Care zu gewährleisten. Mein Ziel ist daher, die Vermittlung der Palliativpsychologie auf verschiedenen Ebenen entwickeln und fördern zu können. So arbeite ich in den Bachelor-Studiengängen mit Medizinstudierenden, beispielsweise in Seminaren zur gemeindenahen Patientenversorgung oder in Wahlkursen wie «Mit dem Tod leben» (Vivre face à la mort), der bei uns von Dr. Tamches entwickelt wurde. Darüber hinaus betreue ich Masterarbeiten. Für den Masterstudiengang im Fach Psychologie, welcher der Fakultät für Sozial- und Politikwissenschaften angegliedert ist, werde ich zum Beispiel ein Seminar über bestimmte psychologische Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Thema Lebensende entwickeln. Diese Art der Lehre trägt dazu bei, Brücken zwischen den verschiedenen Fakultäten der Universität zu bauen. Das wird von mir in meiner Position erwartet. Im Postgraduiertenstudium ist es für mich wichtig, bestimmte CAS-Programme (Certificate of Advanced Studies) wie das CAS Palliative Care oder das CAS Positive Psychologie integrieren zu können. Der Vorteil dieser Programme besteht darin, dass sie in der Regel mehrere Berufsgruppen (Ärzte, Krankenpflegekräfte, Psychologen, Seelsorger) und Disziplinen ansprechen, auch wenn die Profile der Teilnehmenden sehr unterschiedlich sind. Das ist wirklich sinnvoll, weil das Bundesamt für Gesundheit grossen Wert auf Interdisziplinarität und interprofessionelle Zusammenarbeit in der Palliative-Care-Ausbildung legt. Für ein Gebiet wie die Palliativpsychologie, die enge Beziehungen zur Sozialarbeit, zur spirituellen Betreuung und zur Palliativpflege unterhält, ist dies besonders relevant. Was die Forschung angeht, haben in den letzten Jahren mehrere Studien gezeigt, wie wichtig es in den letzten Lebensjahren ist, auch «nicht-körperliche» Bereiche zu berücksichtigen, um die Lebensqualität der Patienten und ihrer Familien in der Palliativpflege zu unterstützen. Vor diesem Hintergrund möchte ich den Forschungsschwerpunkt der psychologischen Ressourcen von Patienten und ihren Angehörigen in der Palliativpflege und am Lebensende besonders weiterentwickeln. In der Psychologie fallen diese Arbeiten ins Fachgebiet der «Positiven Psychologie». Im Kontext des Lebensendes geht es dabei darum, schützende Faktoren und individuelle Ressourcen zu ermitteln, die Patienten ein möglichst friedliches und ruhiges Lebensende ermöglichen. Dieser Ansatz versteht sich als Ergänzung und nicht als Gegensatz zum psychopathologischen und psychiatrischen Ansatz, der heute im Bereich Palliative Care und im weiteren medizinischen Bereich vorherrscht. Dieser Forschungsschwerpunkt steht auch im Einklang mit dem Konzept der «ressourcenorientierten Palliative Care», die wir derzeit im Rahmen des Service de soins palliatifs et de support in Zusammenarbeit mit den Lehrstühlen für Geriatrische Palliative Care und Palliativpflege entwickeln. Konkret gesagt richten sich die Forschungsprojekte, die ich geleitet habe und derzeit leite, auf Konzepte wie Lebenssinn, Dankbarkeit und posttraumatisches Wachstum. Damit verfolge ich drei Ziele: (1) Ich will zum einen besser verstehen, wie diese Dimensionen in einem Zusammenhang mit der Lebensqualität im Bereich Palliative Care stehen. (2) Zum anderen untersuche ich, welchen Beitrag sie zum Anpassungs- und Umstellungsprozess von Patienten leisten können, die am Lebensende mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert sind. (3) Schliesslich möchte ich auch mögliche Interventionen in diesen Bereichen entwickeln und evaluieren können. Das haben wir vor Kurzem zum Beispiel mit einer Intervention getan, die auf Dankbarkeit und deren Äusserung zwischen dem Patienten und dem Angehörigen basiert, der ihn betreut. Erwähnen möchte ich auch einen Forschungsschwerpunkt, der auf die Entwicklung und Validierung von Instrumenten zur Bewertung der Qualität der Palliativversorgung und auf die Identifikation von Palliativpatienten und deren Bedürfnissen fokussiert. Dieser Schwerpunkt ist für mich auch deshalb sehr wichtig, weil er in meinen Augen auf der Forschungsebene die Zusammenarbeit zwischen mehreren Fachberufen und -disziplinen verkörpert, insbesondere der Krankenpflege und der Sozialwissenschaften. Neben meiner Lehr- und Forschungstätigkeit arbeite ich auch etwas im klinischen Bereich. Damit will ich meine Forschung in der klinischen Praxis des Fachgebiets verankern.
Universitätsspitäler haben bereits spezialisierte Palliativstationen und mobile Teams eingerichtet. Gibt es Ihrer Meinung nach psychologische Unterstützungsdienste und/oder soziale Dienste, die ausgebaut oder gestärkt werden sollten? Wenn ja, welche?
Betrachtet man die Entwicklung der Palliative Care am Universitätsspital hier, sei es die palliativmedizinische Station oder die stationären und ambulanten Palliative-Care-Teams, stellt man fest, dass Psychologen bereits voll und ganz in den Dienst integriert sind und die Nachsorge von Palliativpatienten gewährleisten. Gleiches gilt für die spirituellen Betreuer, und ausserdem besteht eine enge Zusammenarbeit mit den Sozialarbeitern, die im Universitätsspital arbeiten. Dieser Ansatz steht im Übrigen vollkommen im Einklang mit der von der WHO formulierten Definition von Palliative Care, die zur optimalen Versorgung von Palliativpatienten die Berücksichtigung der psychologischen, sozialen und spirituellen Dimensionen voraussetzt. Das ist jedoch keine besondere Eigenheit des Universitätsspitals. Die überwiegende Mehrheit der Palliative-Care-Teams oder Palliativstationen des Kantons ist so aufgestellt, dass eine enge Zusammenarbeit mit Psychologen möglich ist. Im Umgang mit dem sehr breiten Spektrum des Leidens am Lebensende erweist sich diese fachübergreifende Zusammenarbeit als notwendig. Nur durch die Interaktion all dieser Fachberufe kann ein ganzheitliches Verständnis der Situation von Patienten und deren Familien erreicht werden. Je stärker die Psychologen unmittelbar in die Palliative-Care-Teams integriert sind, deren Kern traditionell aus dem Tandem Arzt und Krankenpflegeperson besteht, desto wirksamer ist die interprofessionelle Zusammenarbeit und desto angemessener sind die Interventionen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass sich innerhalb der Teams ein echter Dialog entwickelt, damit jeder die Besonderheiten und Grenzen der anderen erkennen kann. Für mich ist das ein wesentlicher Punkt, der zuweilen unterschätzt wird. Meiner Ansicht nach gilt dies auch für die spirituellen Betreuer und die Sozialarbeiter. Die Versorgungsleistungen der Palliative Care schliessen über die Patienten hinaus auch die Familie und das enge soziale Netz mit ein. Psychologische Unterstützung kann zum Beispiel erforderlich sein, um dem Patienten und seiner Familie zu helfen, schlechte Nachrichten, die erwartete Trauer und den bevorstehenden Tod zu verarbeiten. Diese Art von Unterstützung kann Familien auch helfen, offene Fragen oder Probleme zu klären, eine offene Kommunikation zu fördern, Schuldgefühle und andere emotional aufgeladene Gefühle anzuerkennen. Schliesslich kann sie auch dazu beitragen, der Familie den bestmöglichen Abschied zu ermöglichen, mit dem Tod abzuschliessen und die Trauerarbeit zu erleichtern. In Palliative-Care-Teams sind Psychologen ausserdem äusserst nützlich, wenn Fachpersonen emotionale Schwierigkeiten bewältigen müssen.
Wie können Fachpersonen im Bereich Palliative Care von Ihrer Arbeit profitieren?
Wie bereits erwähnt, ist die Lehre ein wichtiger Einstiegspunkt für die Vermittlung von Wissen an Fachpersonen, insbesondere in der Postgraduierten-Weiterbildung. Eine Herausforderung, der ich mich in den nächsten Jahren stellen möchte, ist der Aufbau eines Netzwerks klinischer Psychologen, die im Bereich Palliative Care arbeiten, in erster Linie im Kanton Waadt – und warum nicht dann auch im französischsprachigen und romanischen Raum der Schweiz. Ich übe zwar nur in beschränktem Rahmen eine klinische Tätigkeit aus, deren Hauptzweck darin besteht, meine Forschung in der Praxis zu verankern. In der Westschweiz gibt es zahlreiche Psychologen, die über eine echte klinische Expertise im Bereich Palliative Care verfügen. Mit einem solchen Netzwerk könnten wir das Bewusstsein für die Rolle der Palliativpsychologen schärfen und unsere Arbeit koordinieren, um die Weitergabe unseres Wissens zu optimieren und eine Forschung zu stärken, die fest in der klinischen Praxis verankert ist.
Eine persönliche Frage: Was machen Sie am liebsten in Ihrer Freizeit und wie tanken Sie Energie?
Ich betreibe mehrere Bergsportarten: Skilanglauf, Laufen, Radfahren, Bergsteigen und Wandern. All dies gibt mir neue Energie und bringt mir sehr viel.