Marta Mazzoli, Chefärztin im Hospiz im Park, Arlesheim

Zahlreiche Pionierinnen und Pioniere haben die Palliative Care in der Schweiz auf den Weg gebracht. In ihre Fussstapfen tritt nun die nächste Generation, die wir in einer neuen Serie etwas näher vorstellen möchten. Den Auftakt macht Marta Mazzoli, ärztliche Leiterin des Hospiz im Park in Arlesheim. Dort ist sie die Nachfolgerin von Heike Gudat.

 

Das nachfolgende Interview wurde in der Ausgabe palliative ch 02/21 publiziert.

Beginnen wir mit einer einfachen und doch vielleicht schwierigen Frage – wer sind Sie?
Ich bin Italienerin und komme aus Rom, wo ich studiert und meinen Facharzttitel in Onkologie erworben habe. Schon als junge Ärztin habe ich gemerkt, dass die Lebensqualität für mich wichtiger ist als die verbleibende Dauer der Lebenszeit. Und dass die Medikamente in der Onkologie eigentlich keinen Sinn haben, wenn der Patient in der letzten Phase keinen guten Weg findet. Deshalb habe ich mich früh für die Palliative Care interessiert und die Home Care in Rom und Süditalien näher kennengelernt. In den letzten beiden Jahren, die ich in Italien gelebt habe, konnte ich in Rom ein Hospiz eröffnen, was für mich eine wichtige und spannende Herausforderung war, denn ich musste auch das Personal ausbilden.
Und wie kamen Sie in die Schweiz?
Eines Tages hatte mein Mann die Idee, in die Schweiz umzuziehen, das wollte ich aber zunächst auf keinen Fall! (lacht) Ich dachte nämlich, dass ich keinen Job bekommen würde, weil ich damals noch kein Deutsch konnte. Doch dann fand ich eine Stelle hier im Hospiz im Park. Ich dachte, „okay, ich geh mal gucken und mache eine Schnupperwoche“. In der Zwischenzeit hat mir mein Mann gezeigt, wie schön die Schweiz ist und ich habe gemerkt, dass die Lebensqualität hier viel höher ist und sich für meinen Sohn bessere Chancen ergeben. Deshalb konnte ich es mir schliesslich vorstellen, in der Schweiz meine Karriere aufzubauen. Ende 2012 bin ich umgezogen und habe sieben Jahre im Hospiz im Park gearbeitet. Das war eine sehr schöne Zeit und das Team immer wie eine Familie für mich, obwohl ich wie gesagt am Anfang kein Deutsch sprach und mich mit den Händen verständigen musste. Da ich aber auch eine Palliativstation kennenlernen wollte, habe ich die letzten zwei Jahre im Kantonsspital Winterthur gearbeitet. Das war für mich eine wichtige Erfahrung, denn ich hatte nur kurz einmal auf einer Palliativstation in Mailand hospitiert. Letzten Sommer berief mich dann der Stiftungsrat des Hospiz im Park als ärztliche Leiterin, und es war mir ganz klar, dass ich zurückkommen wollte. Winterthur ist zwar auch eine schöne Stadt, aber Basel ist für mich fast so etwas wie Heimat geworden. Jetzt bin ich wieder da!
Ist die Palliative Care in der Schweiz „weiter“ als in Italien?
Das würde ich so nicht sagen. Die Palliativmedizin spielt in Italien eine grosse Rolle, nicht zuletzt deshalb, weil sie – das muss man ehrlich sagen – relativ billig ist. Ausserdem haben die Familie und das Sterben zu Hause einen viel höheren Stellenwert, es ist fast so etwas wie ein Teil der Kultur, von den Angehörigen betreut zu werden. Deshalb sind auch die mobilen Palliative-Care-Teams in Italien sehr wichtig. Ein grosser Unterschied zu Italien ist beispielsweise, dass es hier in der Schweiz nicht so ein Drama ist, wenn man eine Behandlung mit Opioiden beginnt. Oder dass Patientinnen und Patienten hier viel besser informiert sind. In Italien kennen sie oft nicht einmal ihre Diagnose. Am Anfang habe ich die Schweizer Patienten gefragt, was sie denn wissen. Sie haben diese Frage gar nicht verstanden und zurückgefragt: „Was meinen Sie damit? Ich weiss alles! Ich weiss, dass ich einen metastasierenden Tumor habe und in der Palliativphase bin.“ In Italien ist es eher so, dass die Familien es quasi erst erlauben müssen, ihren kranken Angehörigen zu informieren. Ich habe erlebt, dass ein Patient vor mir sass und die Angehörigen hinter seinem Rücken Handzeichen machten, um mir zu signalisieren, dass er nichts weiss und ich ihm ja nichts sagen soll. Hier in der Schweiz steht der Patient im Vordergrund. Die Angehörigen werden zwar einbezogen, aber zum Schluss entscheidet er. Auch darüber, was er wissen will und was nicht. Ich bin keine aggressive Ärztin, was die Information angeht, ich will wissen, wo der kranke Mensch steht und was er wissen möchte. Aber wenn ein urteilsfähiger Patient Fragen stellt, müssen sie beantwortet werden, egal, ob die Angehörigen das wollen oder nicht. Ich habe auch festgestellt, dass gut informierte Patientinnen und Patienten psychisch weniger leiden, weil sie ihre Situation realistischer einschätzen und so besser Entscheidungen treffen können.
Sie sind von Haus aus Onkologin – wie würden Sie das Verhältnis zwischen Onkologie und Palliative Care beschreiben?
Das hängt stark von der Haltung des jeweiligen Onkologen ab. Was sicher nicht mehr aktuell ist und was aber manchmal noch von Patienten und Angehörigen verstanden wird, ist, dass es "nichts mehr zu tun gibt", wenn eine onkologische Behandlung nicht mehr angeboten werden kann. Zu tun gibt es immer, bis zum Schluss. Andererseits verstehe ich es als Onkologin, dass es nicht einfach ist, wenn man die Patientin über Jahre kennt und begleitet, aber irgendwann alle medizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind – dass das als Versagen aufgefasst werden kann, ist für mich nachvollziehbar. Umso wichtiger ist es, dass die Palliativmedizin frühzeitig einbezogen wird, vor allem wenn aufgrund der Diagnose bereits klar ist, dass es sich um eine unheilbare Erkrankung handelt. Da gibt es in der Onkologie sicher noch Luft nach oben...
Wie sehen Sie das Problem der Finanzierung? Gerade im Hospizbereich ist das ja ein Dauerthema...
Heike Gudat hat sich sehr für eine gute Finanzierung eingesetzt. Ich glaube, dass jene Aspekte unserer Arbeit, die eine grosse Rolle spielen, aber nicht gut bezahlt werden, wie etwa Gespräche, nun als wichtig erkannt worden sind. Aber wir müssen sicher dranbleiben. Wir als Hospiz im Park sind einfach sehr dankbar, dass wir eine so grosszügige Stiftungsratspräsidentin haben, die uns finanziell stark unterstützt.
Welche Auswirkungen hat Ihrer Meinung nach die Corona-Pandemie auf die Palliative Care?
Ich denke, dass sie positive Auswirkungen hat. Corona hat die Palliative Care näher an die Menschen gebracht, weil Themen wie Advance Care Planning, Notfallplanung oder Patientenverfügungen plötzlich sehr aktuell wurden, etwa in Alters- und Pflegeheimen. Man könnte also sagen, dass die Pandemie Palliative Care nötig gemacht hat. Da haben wir viel Vorarbeit geleistet.
Wenn eine gute Fee käme und Sie hätten drei Wünsche frei – welche wären das?
Gute Frage! Also sicher einmal, dass die Palliative Care wie gesagt früh einbezogen wird. Der zweite Wunsch wäre eine gute Betreuung zu Hause, also Home Care. Wir im Hospiz haben eine sehr gute Zusammenarbeit mit der Spitalexternen Onkologiepflege Baselland, denn wenn die Leute zu Hause sterben möchten, soll das möglich sein. Und der dritte Wunsch wäre eine gesicherte Finanzierung, denn so ein multiprofessionelles Team wie bei uns verursacht natürlich hohe Kosten.
Ihre Arbeit kann ja auch sehr belastend sein. Was tun Sie für sich, um damit gut umzugehen?
Ich muss sagen, dass ich diese Arbeit nicht als belastend empfinde. Voraussetzung dafür ist, als Ärztin oder Arzt die gedankliche Umstellung zu machen, dass es nicht mehr um Heilung geht und der Tod ein Teil des Lebensprozesses ist. Diese Umstellung braucht es unbedingt. Wenn ich das Gefühl habe, dass der Patient ohne Beschwerden gestorben ist und seine Familie eine gute Erinnerung an diese letzte Lebensphase hat, dann bin ich zufrieden. Das klingt vielleicht etwas komisch. Für mich hatten in Italien immer die Besuche bei den Angehörigen nach dem Tod eine grosse Bedeutung, damit ich sichergehen konnte, dass ich meine Arbeit gut gemacht habe. Trotzdem brauche ich natürlich auch die tägliche und kontinuierliche Unterstützung durch meine Familie. Eine so spezielle Arbeit könnte ich sicher nicht machen, wenn ich neben mir nicht einen so wunderbaren Mann hätte. Ausserdem lese ich viel, mache gerne Sport, liebe es, in der Natur zu sein, treffe Freundinnen, und ohne meine zehn Minuten Yoga am Morgen würde es nicht gehen. Mein Motto lautet: „Finde eine Arbeit, die dir so gut gefällt, dass du keinen einzigen Tag in deinem Leben arbeiten musst“ – das ist für mich die Arbeit hier!